Hendel Interview

Hendel Interview

Posted by arno on Mi, 12/10/2008 - 19:45 in

Mein Problem: Ich bin Frühaufsteher“
Herr Hendel über Kakerlaken in der Küche, müde Schüler und die Suche nach Ruhe

Anfang Juli ist Herr Hendel, ehemals Biologie- und Erdkunde am GPW, mit Frau und zwei kleinen Kindern für eine Auslandszeit nach Argentinien geflogen. Genauer hat es ihn ach Buenos Aires, eine Stadt mit ca. 12 Millionen Einwohnern gelandet. Dort unterrichtet er an der deutschen Goetheschule, einer Privatschule.

1. Herr Hendel, was haben Sie sich denn bloß dabei gedacht vom Philippinum wegzugehen? Was waren die Gründe für das Auslandsjahr?
2. Nun ist es, wie es ist, wie haben Sie sich denn eingefunden?
3. Warum eigentlich gerade Argentinien?
4. Wie gestalten Sie in A. ihren Alltag?
5. Welche Unterschiede werden nach ein paar Monaten Leben in Argentinien deutlich (seit wann sind Sie denn da?)
6. Nennen Sie bitte das coolste, spannendste, lustigste, gefährlichste Tier, dass Sie bisher entdeckt haben
7. Beschreiben Sie doch bitte die argentinischen Schüler.
8. Gibt es etwas, dass Sie total vermissen? Vermissen Sie vielleicht sogar etwas am GPW?
9. Wie definieren Sie Freiheit für sich?
10. Wie steht es um die Freiheit argentinischer Schüler?
11. Was ist das Tollste, Beste, Schönste an Argentinien?
12. Hatten Sie in A. schon ein Ereignis von dem Sie sagen können, dass es Sie in Ihrem Leben beeinflusst hat?
13. Last but not least: Kommen Sie zurück?

Vielen Dank für das Gespräch!

1. Um es gleich vorweg zu sagen: ich habe mich am Philippinum verdammt wohl gefühlt und fühle mich auch immer noch „meiner Schule, dem GPW“, zugehörig! Ich bin nicht weggegangen, weil es mir nicht gefiel. Im Gegenteil: In meiner Zeit am GPW, die ja nun doch schon sieben Jahre lang geworden ist, habe ich gemerkt, dass der Beruf „Lehrer“ eine riesengroße und breite Palette an Möglichkeiten bietet und sich nicht nur auf die Tätigkeit des Unterrichtens allein beschränkt. Der Unterricht im Ausland ist nur eine Facette. Ebenfalls gehören dazu Mitarbeit in der Ausbildung, in der Verwaltung, an der Uni, im Ministerium und und und. Ich war vor meinem Schuldienst in der Wirtschaft und bin mit einem flauen Gefühl in den Staatsdienst gegangen. Ich bereue diesen Schritt bislang keine Sekunde, unter anderem wegen der ungeheuren Vielfalt. Ich habe in meiner Zeit an der Uni längere Zeit im Ausland verbracht und das Leben in einer anderen Kultur sehr genossen. In welchem Job hat man die Möglichkeit, eine überschaubare Zeitspanne in einer anderen Kultur zu leben, eine fremde Sprache quasi als Nebenprodukt zu erlernen, dafür ganz normal bezahlt zu werden und nachher wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren? Diese Chance wollte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Im Moment sind meine Kinder noch klein, wenn sie erst einmal 10 Jahre oder älter sind, wird ein Wechsel weg und zurück schwieriger, sowohl für uns als Eltern als auch für die Kinder. Deshalb musste das jetzt oder nie sein. Es hat ja auch ziemlich schnell geklappt.
Viele Lehrer sind früher ins Ausland gegangen, um möglichst viel Geld zu scheffeln. Diese Zeiten sind vorbei. Man verdient etwas mehr, hat aber auch höhere Kosten, beispielsweise kostet eine ordentliche Wohnung hier in Buenos Aires deutlich mehr als zu Hause. Ich wollte hauptsächlich ins Ausland gehen, um meinen persönlichen Horizont zu erweitern. Das hilft mir für meine Persönlichkeitsentwicklung und meinen eigenen Horizont, aber es wird, das weiß ich jetzt schon, für meinen eigenen Unterricht dienlich sein, wenn ich wieder zurück bin. Ebenfalls wichtig war mir, eine Sprache zu lernen, die ich nicht beherrsche. Meine Frau hat nach dem Studium in Kanada gelebt und profitiert noch heute von diesem Aufenthalt. Sie hat mich in meinem Bestreben zu gehen, von Anfang an unterstützt.

2. Diese Frage kann ich noch nicht umfassend beantworten.
Der Anfang war sehr schwer. Die Gesellschaft ist hier völlig anders. Die Menschen, die ja zu einem sehr großen Anteil, gerade in Buenos Aires, Nachfahren europäischer Auswanderer sind, sehen genauso aus wie in Europa, man sieht in den Straßen selten Menschen, die man dem Aussehen nach Südamerika zuordnen würde, sprich die indianischer Abstammung sind. Insofern war ich am Anfang versucht zu glauben, es ist hier „wie zu Hause“. Das stimmt gar nicht, und man merkt es erst auf den zweiten Blick.
Die Menschen sind viel freundlicher, höflicher, netter, aber auch oberflächlicher. Man sieht die Dinge etwas lockerer und nicht so verbissen wie in Deutschland. Es gibt zwar viele Regeln, doch wenn man will, findet man immer Mittel und Wege, diese Regeln so auszulegen, dass sie für den eigenen Bedarf passend sind.
Diese Gesellschaft bildet sich natürlich auch in der Schule ab, und da bin ich mit meiner Art wohl zu Anfang ganz schön von einem Fettnäpfchen ins nächste getreten.
Nur ein kleines Beispiel: Schon bei uns in Deutschland beginnt in etlichen Fällen der Unterricht nicht pünktlich. Mir ist für meine beiden zweistündigen Fächer Biologie und Erdkunde wichtig, dass die volle Unterrichtszeit zur Verfügung steht, gerade in der Oberstufe und im Hinblick auf das Abitur. Die Unterrichtsstunde hier ist noch einmal 5 Minuten kürzer als in Deutschland, nämlich nur 40 Minuten stehen zur Verfügung. Natürlich war ich mit dem Klingeln im Klassenraum, so wie ich das vom GPW her kenne. Es funktioniert hier einfach nicht, mit dem Klingeln zu beginnen. Mindestens 3-6 Minuten später sind dann alle endlich da. Am Anfang habe ich nicht verstanden, weshalb das so ist, ich habe verkrampft und mir Möglichkeiten überlegt, die Schüler dazu zu bewegen, mit dem Klingeln zu erscheinen.
Letztlich habe ich aber doch verstanden, dass ich die Schüler nur mit größtem Druck und unter Androhung von heftigen Strafen dazu bekommen werde, pünktlich zu kommen. Die Pausen sind hier höchstens 10 Minuten lang. Das ist viel zu knapp bemessen. Die Schüler können sich vom Unterricht einfach kaum erholen. In der Cafeteria stehen sie Schlange, ein Schwätzchen hier, ein Buch abgeben da, und schon ist die Zeit um. Dazu kommt, dass man hier generell zu spät erscheint. Pünktlich sind nur die Flugzeuge und einige Busse, sonst nichts.
Als ich das begriffen hatte, bin ich einfach auch später gekommen, und von da an lief es deutlich besser.
Zurück zur Frage: ich muss erst noch lernen, alle Eigenheiten und Eigenschaften der Menschen hier völlig zu durchdringen. Dazu ist es jetzt noch zu früh. Wenn ich mal ein ganzes Jahr hier bin, kann ich wohl sagen, dass wir uns einigermaßen eingelebt haben.

3. Das ist einfach: es war das erste Angebot.
Mein Traumziel war eigentlich Irland, dann hätte ich noch Skandinavien oder Canada sofort und ohne Nachdenken angenommen.
Als der Schulleiter aus Buenos Aires anrief und mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, in seiner Schule zu arbeiten, habe ich ihm sofort geantwortet: „Wissen Sie, das ist aber nun überhaupt nicht mein Wunschort“. Glücklicherweise hat er gelacht und mir Zeit gegeben. Ich habe mich dann eingehend über Schule und Land informiert und letztlich befunden, nachdem ich das Bewerbungsgespräch positiv überstanden hatte, dass Buenos Aires eine sehr gute Alternative darstellt. Ich war noch nie in Südamerika, Grund eins. Argentinien wird immer als das europäischste Land dieses Kontinents beschrieben, und das stimmt, Grund zwei. Schließlich besteht in ganz Lateinamerika eine große Kluft zwischen Arm und Reich, die darin resultiert, dass sich in manchen Ländern des Kontinents die Menschen mit etwas und mit viel Geld hinter Mauern und Zäunen verbarrikadieren. Ich wollte nicht meine Familie und mich in Gefahr wissen. Hier existiert dieses Problem zwar auch, aber in sehr abgeschwächter Form. Man kann sich jederzeit in den meisten Bereichen auf die Straße trauen. So habe ich schließlich zugestimmt. Und letztlich verheißt das Land traumhafte Reiseziele für die Ferien, es gibt alle Klimazonen von den Tropen bis ins Eis, Wüsten, hohe Berge, die weltgrößten Wasserfälle…….kann man dann noch NEIN sagen?

4. Oh, das ist recht einfach zu beantworten.
Ich muss hier deutlich mehr als in Deutschland unterrichten. Derzeit habe ich 28 Wochenstunden, das kann aber auch noch mehr werden. Damit ist klar, dass sehr viel Zeit für die Unterrichtsvorbereitung drauf geht. Ich glaube nicht, dass ich in Deutschland wenig gearbeitet habe, aber hier muss ich noch stärker ran. Damit ist für Freizeitaktivitäten eigentlich nur das Wochenende möglich, wo wir versuchen, etwas von der Stadt zu sehen. Raus aus dieser Riesenstadt sind wir noch nicht gekommen, weil wir noch kein Auto haben. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es ewig lange. Die sind zwar billig und fahren überall hin, aber sie halten andauernd. So braucht man für eine Strecke von 20 km gut und gerne 2-3 Stunden. Ich kann nur hoffen, dass das mit dem Kauf eines Autos zu Weihnachten besser wird. Es gibt sehr viel zu sehen, sowohl in der Stadt als auch im Umland. Aber auch künftig wird das nur am Wochenende möglich sein.

5. Ich bin hier seit Anfang Juli. Der gravierendste Unterschied ist für mich diese Megastadt Buenos Aires mit seinen fast 12 Mio Einwohnern. Weilburg ist ländlicher Bereich, und ich wohn(t)e am Stadtrand von Gießen. Hier sieht man den ganzen Tag über nichts anderes als Häuser, auch wenn man 4 h im Bus unterwegs ist. Es ist nirgendwo leise, geschweige denn still. Ich bin gerne im Freien und in der Natur. Das muss ich mir hier abschminken. Ich habe das vorher gewusst, und ich heule deswegen auch gar nicht. Nach 4 Monaten sehne ich mich aber stark nach einem landschaftlich schönen Plätzchen, wo Ruhe herrscht und nicht Hunderte von Menschen vorbeitrampeln. Da muss ich bis zu den Sommerferien im Dezember warten. Wir haben zwar einen schönen Garten, sogar mit pool, das ist nichts Besonderes hier. Aber auch im Garten hört man ständig Verkehrslärm. Bisher habe ich mich daran nicht gewöhnen können. Es gibt andere gravierende Unterschiede, aber das ist der für mich persönlich einschneidendste, eben nicht das Haus verlassen zu können und nach 10 Minuten im Wald oder auf dem Feld einfach mal in Ruhe alleine zu sein.