Hendel Interview Part II

Hendel Interview Part II

Posted by arno on Mi, 12/10/2008 - 19:22 in

Ja, Herr Hendel hatte viel zu berichten.
Hier könnt ihr den zweiten Teil seiner Antworten lesen!

6. Diese Frage ist nicht zu beantworten. Buenos Aires liegt zwar auf 30 Grad südlicher Breite und ist damit im subtropischen Bereich anzusiedeln, aber in der menschlich stark überprägten Natur finden sich keine wilden Tiere, wie man sie an diesem Ort ohne menschliche Einflüsse vermuten würde. Buenos Aires ist der Ort des südlichsten Vorkommens der südamerikanischen Klapperschlange, aber man wird sie hier niemals finden.
Da ich das Land wegen mangelnder Ferien (man hat 3 Wochen Winterferien und 8 Wochen Sommerferien, dazwischen ist wirklich überhaupt NICHTS!) noch nicht bereisen konnte, kann ich diese Frage erst nach den Sommerferien im Februar beantworten. Das Einzige, was ich sagen kann: es wird gerade Frühling. das ist schön, weil es überall grün wird. Allerdings ziehen auch sofort die Schädlinge ins Haus ein: morgens dicke fette Schaben (die ich gerne im Biounterricht mit Schülern präpariert habe) auf dem Küchenboden sitzen zu sehen, ist keine Seltenheit. Am Anfang ist das wirklich eklig, aber nach ein paar Wochen gewöhnt man sich daran und haut sofort mit dem Schuh drauf. Wenn es regnet, steigt der Grundwasserspiegel sehr schnell. Die Ameisen verkriechen sich dann und ziehen fröhlich ins haus ein. Das nervt einfach. Als Biologe tue ich mich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln schwer, aber ich fürchte, wir werden nicht darum herum kommen. Das klingt jetzt alles schrecklich, ist es aber nicht. Man gewöhnt sich wirklich schnell daran, lernt zu handeln und damit zu leben.

7. Ich kann nur die argentinischen Schüler meiner Schule beschreiben, und das ist ein besonderer Schüler: ich unterrichte an der Goetheschule, das ist eine Privatschule, für die die Eltern viel Geld bezahlen müssen. Ca. 500 US-Dollar kostet der Unterricht im Monat für einen Schüler. Das ist sehr viel Geld, wenn man bedenkt, dass sich damit nur sehr gut Verdienende diese Schule leisten können. Neben der amerikanischen Schule in Buenos Aires genießt die Goetheschule einen Spitzen-Ruf.
Staatliche Schulen sind da ganz anders, natürlich auch, was die Schüler-Klientel betrifft.
Was mir zuerst aufgefallen ist: die Freundlichkeit der Schülerinnen und Schüler. Nun will ich nicht über das GPW meckern, da sind die allermeisten Schülerinnen und Schüler sehr nett. Hier allerdings geht das wirklich noch eine Stufe freundlicher. Immer „bitte“ und „danke“, man erweist dem Lehrer gegenüber eine ausgesuchte Höflichkeit. Das fand ich sehr positiv vom ersten Tag an.
Das Leben hier spielt sich nicht in meinem Tagesrhythmus ab: ich bin Frühaufsteher. Hier beginnt das Leben am Tag eigentlich selten vor 11 Uhr. Man nimmt auch das Abendessen selten vor 21 Uhr ein, eher um 22 Uhr. Partys beginnen, wie mir die Schüler erzählten, selten vor 22 Uhr, oft entscheidet man sich erst um Mitternacht, wohin man geht. Man wird locker auch morgens um 4 in einem Restaurant etwas zu essen bekommen können.
Das heißt: man geht spät, sehr spät, oft zu spät ins Bett.
Es ist für die Schüler daher ein alltäglicher Stress, wenn der Unterricht „schon“ um 7.45 Uhr beginnt.
Die ersten beiden Stunden sind die Schüler völlig fertig, an ein Unterrichten in unserem deutschen Stil ist nicht zu denken. Am späteren Vormittag läuft das besser.
4x pro Woche haben ALLE Schüler von der 1. bis zur 12. Klasse Nachmittagsunterricht, dreimal bis 16.45 Uhr. Es ist verständlich, dass am Nachmittag nach der Mittagspause eigentlich auch nicht mehr viel drin ist. Viele Schüler schlafen einfach im Unterricht ein. Das ist nicht frech mir als Lehrer gegenüber oder weil mein Unterricht so lahm ist, sondern weil die Schüler eigentlich fast immer völlig fertig sind und mit akutem Schlafdefizit kämpfen müssen.
Das heißt aber auch, dass nicht viel Lernstoff in einer Unterrichtsstunde transportiert werden kann.
Interessant fand ich die Tatsache, dass es den allermeisten Schülern nur darum geht, zu bestehen. Bei uns ist das die Note 4, in der Oberstufe sind es die magischen 5 Punkte. Die erste Frage, die mir IMMER gestellt wird: habe ich bestanden? Falls ja, ist alles im grünen Bereich. Ob gut oder schlecht bestanden, spielt keine Rolle. Es geht also nicht darum, eine möglichst gute Leistung zu erzielen, sondern einfach darum, das Minimalziel erreicht zu haben. Eine Leistungsorientiertheit wie bei uns ist mir noch nicht begegnet.
Ein Abitur einer Schule wie der Goetheschule öffnet alle Türen für die Zukunft, egal welcher Durchschnitt auf dem Abizeugnis steht.
Ich persönlich finde das sehr schade, weil viele Schüler nur genau soviel tun, dass Sie gerade die Note 4 oder 5 Punkte (hier an meiner Schule sind es die magischen 7 Punkte) bekommen. Dann schalten sie ab, tun nichts mehr. Sie zeigen deshalb auch für den Unterrichtsstoff nur begrenztes Interesse. Das finde ich persönlich sehr schade. Am GPW habe ich immer wieder gespürt, das ich den einen oder anderen Schüler für mein Fach oder den speziellen Inhalt begeistern konnte. Dies gelingt hier sehr viel schwerer und macht das Unterrichten nicht leicht.
Ich fühle mich oft als der Dompteur, der morgens seine „Schäfchen“ wachtrommeln muss, sie dann langsam dazu bekommt, dass etwas gearbeitet wird und dann aber aufzupassen hat, dass niemand wegdriftet.
Das macht die Sache schwer, viel schwerer als in Deutschland. Und so sitze ich viel mehr Zeit am Schreibtisch als zu Hause. Ich muss den Unterrichtsinhalt in viel kleinere Päckchen packen und mir viel öfter überlegen, wie ich etwas verkaufe, damit es ankommt.

8. Was vermisse ich?
Ich habe es schon ein wenig in Frage 7 beantwortet. Ich vermisse Interesse an meinem Fach. Die Schüler haben allerdings mit der Wahl des deutschen Abiturs keine Auswahlmöglichkeiten mehr. Es gibt keine Leistungskurse, es gibt keine Wahlmöglichkeiten wie bei uns (Kunst oder Musik, Erdkunde vielleicht etc.). Die Stundentafel ist in der gesamten Oberstufe vorgegeben. Die Schüler haben alle drei Naturwissenschaften mit wechselnder Stundenzahl und dürfen sich dann im Abi interessanterweise lediglich zwischen den Prüfungsfächern Englisch, Physik oder Biologie entscheiden. Das erklärt mir als Person zwar, weshalb oft nur wenig Interesse für Bio da ist, aber ein bisschen mehr Engagement würde ich mir schon wünschen.
Ich vermisse hier die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen. Das klappt zwar auch am GPW nicht immer und überall, aber hier wurschtelt wirklich jeder ganz allein vor sich hin. Da ich allein für den Bio-Unterricht in der Oberstufe zuständig bin und derzeit quasi kein Schüler, der das deutsche Abitur macht, am „Hendel“ vorbeikommt, empfinde ich es als umso wichtiger, mich mit Kollegen über Methoden, Inhalte und Lehrplan austauschen zu können. Das klappt nicht und ich bin ziemlich alleine: „learning by doing“ zwar, das ist auf Dauer aber langweilig.
Hier sind es Kleinigkeiten, die dagegen meiner Schule anempfehlen würde:
Die Hilfsbereitschaft ist wunderbar. Egal, was Du brauchst, was Du wünschst, was Du willst, wen Du ansprichst: man wird Deinen Wunsch anhören und versuchen zu helfen. Das klappt nicht immer, aber man ist offen für Deine Ideen. Das habe ich am Philippinum nicht so empfunden. Ich will damit nicht sagen, dass keine Hilfsbereitschaft existiert, aber hier ist das noch eine Stufe besser.
Und ein paar Kleinigkeiten sind hier grandios: ich kann kostenlos soviel Kaffee und / oder Wasser trinken, soviel ich will. Den ganzen Tag über.
Die Cafeteria bietet ein reichhaltiges Angebot, das gut und günstig ist. Ich habe immer großen Hunger: hier kann ich soviel Nachschlag holen, wie ich möchte. Ich will unserer Cafeteria wirklich nicht zu nahe treten, aber die „Café“ der Goetheschule schlägt die des GPW um Längen. Das sieht man auch an der Nutzung, sie ist immer voll!
Und eines ist hier auch wunderbar: zu Konferenzen spendiert die Schulleitung Hörnchen und Getränke! Kleiner Wink in Richtung Sekretariat!
Grandios ausgestattet ist die Goetheschule, was das Unterrichtsmaterial angeht: okay, es gibt viel zu wenige Overhead-Projektoren, nämlich für 4 Klassenräume nur einen (da bin ich als ehemaliger Medienfritze des GPW natürlich ständig am Nörgeln), aber egal, ob ich Buntpapier, Karton, Hefte, Stifte, Kopierpapier oder Kopien brauche: alles ist in genügender Zahl permanent vorhanden. Es gibt zwar auch hier nur zwei Kopierer wie in unserem Kopierraum, aber es gibt Leandro, der diese Kopierer bedient, und zwar von 7- 17 Uhr. Und wenn ich ihm meine Wünsche übergebe, halte ich 5 Minuten später bergeweise Kopien in der Hand, verkleinert, vergrößert, auf Folie, zweiseitig. Für meinen Unterricht. Das ist der Wahnsinn. Am GPW sicherlich nicht zu verwirklichen, aber hier genieße ich es!

9. Aua, das ist eine Frage, die eigentlich nur die Rückfrage zulässt: Freiheit in welchem Bezugsrahmen? Meine persönliche, die in meinem Job, die meiner Schule, die der Menschen hier im Land?
Ich hab eigentlich schon viel zuviel geschrieben und versuche es einfach mal so:
Es gibt an meiner Schule zwei Systeme: ein deutsches und ein argentinisches. Die in Einklang zueinander zu bringen, ist ein Balanceakt, der oft nicht funktioniert. Es gibt dementsprechend viel mehr Vorgaben, Regeln, Termine. Einschränkungen eben, die mich als Lehrer nicht frei agieren lassen.
Die Eltern wachen viel stärker über meinen Unterricht als in Deutschland. Ich habe ständig Elterngespräche, wo Eltern kommen, um sich über den Lernstand ihres Kindes zu erkundigen, aber auch immer wieder, um mir deutlich zu zeigen, dass jeder meiner Schritte im Unterricht mit ihren Kindern beobachtet wird.
Ich fühle mich dementsprechend in meiner beruflichen Aktivität viel stärker eingeengt und eingeschränkt als zu Hause.
Allerdings bietet das System hier auch viel mehr Schlupflöcher als in Deutschland. Wenn man die gefunden hat, kann man sich in seinem Beruf genauso frei fühlen wie zu Hause, es ist nur viel schwieriger, diese ausfindig zu machen.

10. An meiner Schule sind die Schüler nicht frei. Das Einzige, was sie wählen dürfen, sind die AGs. Da gibt es 22 verschiedene, immer dienstags am Nachmittag. Die können sie besuchen, müssen Sie aber nicht.
Mit Eintritt in die Oberstufe dürfen die Schüler den Zweig wählen den sie besuchen möchten: deutsches Abitur, naturwissenschaftliche, geisteswissenschaftliche Richtung oder Wirtschaft. Das ist alles. Nach dieser Entscheidung ist die Stundentafel komplett vorgegeben, selbst Klassenfahrten stehen schon vorher fest (Ort, Zeit etc,). Abwahlmöglichkeiten gibt es keine.
Schule verlassen in der Freistunde oder zum Rauchen? Niemals! Das Tor ist zu, und das wird nur für die Mittagspause und nach Unterrichtsschluss geöffnet. Insofern kann ich mit gutem Gewissen behaupten, dass der Schüler meiner Schule im Vergleich mit dem GPW total unfrei ist!

11. Das Land ist ein Traum. Ich hab´s zwar noch nicht selbst bereist, aber es vergeht kein Wochenende, wo nicht irgendein Kollege mit seinen Erlebnissen rüberrückt und berichtet. Argentinien ist wunderschön. Ich freue mich drauf, hier möglichst viel zu sehen. Die Argentinier mögen Europäer, insbesondere Deutsche. Als Tourist ist man überall herzlichst willkommen, und das nicht nur wegen unserer stabilen Währung!

12. Ja, hatte ich.
Ich habe binnen kürzester Zeit erfahren dürfen, dass wir es in Deutschland verdammt gut haben. Damit meine ich z.B. unseren Lebensstandard, von dem wir alle profitieren. Die Schere arm-reich ist hier extrem weit, mit den dazugehörenden Problemen. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft, klare Sache, sie hatten in den letzten Jahrzehnten etliche Wirtschaftszusammenbrüche zu überstehen, Geld wurde entwertet und und und, Dinge, die sich in Deutschland nur wenige Menschen wirklich vorstellen können und noch weniger erlebt haben.
Es ist ein sehr gutes Gefühl, zu wissen, dass ich in absehbarer Zeit wieder in Deutschland leben kann.
Für meinen Beruf kann ich sagen, dass wir Lehrer in Deutschland, wenn wir unseren Job ernst nehmen, sicher kein Zuckerschlecken haben und viel arbeiten müssen.
Aber wenn ich das mit den hiesigen Bedingungen vergleiche, dann bin ich sehr dankbar dafür, dass ich als Arbeitgeber das Land Hessen und nicht die Goetheschule habe: der Lehrer hier verdient viel viel weniger als in Deutschland. Er muss bis zu 46 Wochenstunden unterrichten (ich frag mich immer, wie das gehen soll). Ist er krank, werden 22 % vom Gehalt für diesen Monat nicht bezahlt. Man hat schon in Deutschland keinen besonders hohen sozialen Rang als Lehrer, aber hier ist er noch viel schlechter.
Ich sehe auch, dass sich die Lehrer hier viel mehr abmühen müssen.
Dieser Aufenthalt hier hat mir diesbezüglich schon ein wenig die Augen geöffnet, und ich weiß, dass ich in meinem Job in Deutschland sicher nicht alles toll finde und auch versuchen werde, das zu verbessern, aber ich weiß auch, dass es mir in meinem Beruf sehr sehr gut geht. Das ist eine wunderschöne Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte!

13. Die Entscheidung, ob ich zurück ans GPW komme, hängt letztlich nicht an mir.
Wenn meine Zeit hier abgelaufen ist, darf ich Wünsche äußern.
Ich weiß nicht, inwiefern diese Wünsche dann berücksichtigt werden. Das Schulamt hat das letzte Wort, und ich glaube auch, dass Herr Heese da ein nicht ganz unwichtiges Wörtchen mitreden kann.
Herr Heese hat mich mit den Worten verabschiedet, er hoffe, dass ich in Südamerika die hiesige Gelassenheit soweit lerne, dass ich danach brauchbar für seine Schule bin. Ich glaube, da bin ich derzeit auf einem guten Weg.
Was meinen eigenen Wunsch angeht: ich habe niemals einen Hehl daraus gemacht, dass es mir am GPW sehr gut gefällt. Weshalb sollte ich also etwas anderes ausprobieren wollen, wenn ich weiß, was ich habe?
In diesem Sinne: Un cordial saludo de Buenos Aires!