Geschichte

Geschichte

"... und Ihr habt Euch mit mir abzufinden."
"... und so ist jeder kritische Angriff mir sehr gemäß ..."

SPEKTRUM - Seine Geschichte

Geheimnisumwittert, mit dem Odium der Rebellion behaftet – so denken sich viele heute die Gründung des, und hier gilt es schon aufzupassen, „Spektrum. Schulzeitung (sic!) am Gymnasium Philippinum“, zählte doch 1953 Ulrike Marie Meinhof, später Journalistin und dann Mitglied der Terrorgruppe RAF, zu seinen Mitbegründerinnen. Auch Werner Link, der ein bekannter Politikwissenschaftler wurde, war dabei. Erster Chefredakteur war Rüdiger Griepenburg, der von Schulsprecher und Redaktionsmitglied Ansgar Quabius dazu „gewonnen“ werden konnte, wie Ansgar Quabius in der ersten Ausgabe schrieb. Außerdem gehörten Rolf-Dieter Kretzer, Albrecht Sasse, Wolf-Dieter Pohlenz und Herbert Papacek mit dazu. In der zweiten und dritten Nummer finden sich dann noch Manfred von Graeve und Siegfried Althoff unter den Redakteuren. Rüdiger Griepenburg war nicht mehr dabei.
Auffallend ist, dass im Impressum dieser Ausgaben Ulrike Meinhof sowie Werner Link an erster Stelle stehen und somit wohl die Chefredakteure waren.
Kritisch waren sie bestimmt; das zeigen ihre Artikel. Aber eine demokratische Revolution der Schule hatten sie nicht im Sinn. Vielmehr verraten die Schulakten aus dieser Zeit,
dass auf Grund der Erlasse des Hessischen Kultusministers vom 14. September 1948 zur „Schülermitverwaltung in den Schulen“ und vom 24. September 1948 zu „Schulzeitungen“, anders als beim ersten Anlauf in der Weimarer Republik, nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit einer Demokratisierung der Schulen Ernst gemacht werden sollte.
Geduld war dazu notwendig. „Nach 12 Jahren Nationalsozialismus bedarf es eines gewissen Geschicks, die Schüler, namentlich die älteren, an demokratische Lebensformen heranzuführen. 12 Jahre lang ist im Geschichtsunterricht, aber auch in anderen Fächern wie z.B. im Englischen die Demokratie als Staats- u. Lebensform lächerlich gemacht worden. Einzelne Schüler werden heute noch in diesem Sinne vom Elternhaus beeinflußt.
Es wird deshalb einiger Zeit bedürfen bei ihnen für die neuen Formen Verständnis zu erwecken. Es wäre Selbstbetrug, wollte man davor die Augen verschließen.“ So schreibt der kommissarische Schulleiter Hermann Schlitt am 23. November 1946 an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden und schließt seinen Brief: „Bei allen Unvollkommenheiten der Anfangszeit, trotz pessimistischer, ablehnender Aeußerungen, leider auch aus Kollegenkreisen, läßt sich meiner Ansicht nach die Schülerselbstverwaltung zu einer fruchtbaren Einrichtung ausbauen, die dazu beitragen kann die Schüler zur Selbständigkeit und Selbstverantwortung zu erziehen.“
Die Schulzeitung war Teil dieses Prozesses.
Die erhaltenen Protokolle der Schülermitverwaltung lassen erahnen, wie mühselig der Weg zur ersten Ausgabe war. Zudem musste die Herausgabe einer Schulzeitung nicht nur vom Direktor und dem Kultusministerium genehmigt werden, sondern auch von der Militärregierung. Unausgefüllt ist das am 7. April 1949 der Schule übersandte Antragsformular abgeheftet.
Aber, und das verweist auf die Verbreitung von „Schülerzeitungen“ (sic!), ein Angebot einer Lauterbacher Druckerei aus dem Jahr 1949. Eine 16-seitige Ausgabe in Din A4 hätte bei einer Auflage von 600 Exemplaren den damals stolzen Preis von 163,10 DM gekostet.
1951 kam es nach einem Beschluss des Schülerbeirates zur Gründung einer Redaktion für ein „Nachrichtenblatt“. Die Redaktionsleitung übernahm Rainer Kritzler, der im Jahr zuvor an einem Schülerzeitungsseminar in Frankfurt teilgenommen hatte.
In den folgenden Schülerbeiratssitzungen finden sich immer öfter Hinweise auf eine Zeitung, auch darauf, dass die Schüler nur ein geringes Interesse an diesem Projekt zeigten. Im Protokoll vom 28. März 1952 gibt es den Punkt 4 der Tagesordnung „Endgültige Beschlussfassung über die Zeitung (Finanzierung)“. Es heißt dann: „Es wurde beschlossen, zu Beginn des neuen Schuljahres die Schülerzeitung mit gedrucktem Kopf und im übrigen vervielfältigt herauszugeben, mit einem Kostenvoranschlag von ungefähr 30,- DM.
Der Druck der ganzen Zeitung ist finanziell nicht möglich.“
Es dauerte jedoch noch über ein Jahr, bis mit Datum vom 30. September 1953 Oberstudiendirektor Schwing, der beratende Lehrer Heinrich Harbaum und Schulsprecher Ansgar Quabius die „Genehmigungsurkunde“ für das „Spektrum“ unterschreiben konnten. Sie war nach dem immer noch gültigen Erlass von 1948 ebenso Voraussetzung für das Erscheinen wie die Übersendung von drei Belegexemplaren an das Ministerium in Wiesbaden. Am 31. Oktober 1953 schickte der Schulleiter die ersten Exemplare nach Wiesbaden. Ein Dr. Minssen aus dem Hessischen Ministerium für Erziehung und Volksbildung bestätigte am 16. November den Eingang der Belegexemplare. „Ich danke der Schule auf das herzlichste für die Übersendung der flotten neuen Schulzeitung „S p e k t r u m“ und wünsche der Redaktion guten Erfolg für das begonnene Werk.“ Am 23. November gibt Schwing dem „Redaktionsrat“ das Schreiben bekannt. Unterstrichen hatte er „flotten“ und „guten Erfolg“.
Im Rückblick auf den langen Anlauf ist es also kein Wunder, wenn der Direktor im Geleitwort zur ersten Nummer schreibt: „Was lange währt, wird endlich gut. Wenn dieses Sprichwort auch auf dem Gebiete der Journalistik Gültigkeit hat, dann muß sich das nach so langer Zeit nun endlich zur Welt gekommene jüngste Kind des Gymnasiums Philippinum zu einem prächtigen Burschen entwickeln. So wie es jetzt vor den Augen der glücklichen Eltern und der glückwünschenden Umwelt liegt, ist das Kleinkind natürlich noch etwas schmächtig und recht pflegebedürftig, aber ich hoffe, ‚Wir werden das Kind schon schaukeln!’ Es muß vor allem gut genährt werden, und dazu sollte jeder Schüler seinen Teil beitragen, nicht nur, indem er 20 Pfennige auf den Tisch des Hauses legt, sondern vor allem dadurch, daß er für die Ausstattung sorgt ... und daß er selber etwas schreibt, was sich zur Veröffentlichung eignet. ... Es muß so werden, daß sich der Redaktionsstab nicht vor Stoff retten kann.“
Schwings Beitrag enthüllt auch, dass das „Spektrum“ nicht zu den ersten Schulzeitungen/Schülerzeitungen in Hessen oder Deutschland zählt. „Ziel muß es sein, daß das „spektrum“ gedruckt wird, so wie es heute bei fast allen Schulzeitungen der Fall ist. Was das Realgymnasium Limburg mit seiner Kladde kann, das muß unser Gymnasium Philippinum auch fertig bringen!“
Heinrich Schwing wusste um die Schwierigkeiten des demokratischen Neuanfangs in den Schulen nach 1945. Er unterstützte den Aufbau der Schülervertretung nicht nur an seiner Schule, sondern in Hessen. Von 1951 bis 1957 war der 1891 in Weilburg geborene Lehrer und Lokalpolitiker Leiter des Arbeitskreises für Schülermitverwaltung. Über das kurze Lob aus Wiesbaden wird er sich ebenso gefreut haben wie die Redakteure.

Die ersten Hefte
Neben dem Geleitwort des Direktors steht im ersten Heft das von Ulrike Meinhof formulierte Gründungsmanifest „Das s p e k t r u m oder WER ICH BIN UND WAS ICH WILL“. Nach einem physikalischen Exkurs, der erklärt wie Licht in „lauter wunderbarliche Farben zerlegt wird, folgt die Beschreibung der lang ersehnten Schulzeitung, die ursprünglich den Namen „Der Philipp“ tragen sollte.
„Ich (das Spektrum, V.S.) bin begrenzt und will doch innerhalb dieser Abgrenzung farbig und reich sein. Und innerhalb all meines Reichtums, meiner Buntheit, meiner Vielseitigkeit, da ist Euer Platz und da möchte ich gerne, daß Ihr Euch unterhaltet und Euch erzählt, was Ihr alles für wichtig haltet. Ich bin nicht dazu da, Euch zu belehren, ich bin dazu da in erster Linie Raum zu geben für Diskussionen und Auseinandersetzungen aller Art. Nur verbitte ich mir in der Autorität meines Namens, daß gemeckert wird. Meckern, das liegt unterhalb meiner Grenzen und jenseits meiner Fähigkeiten. Damit will ich nicht sagen, daß Ihr nicht Kritik üben sollt an mir, und allem, was ich erzähle, denn wenn auch die Farben meines Namenspaten fließend ineinander übergehen, so kann man sie doch oben und unten scharf abgrenzen, und so ist der kritische Angriff mir sehr gemäß, weil Kritik eben doch viel Ähnlichkeit hat mit Schärfe und Klarheit.“
Wie sah es nun mit dem „kritischen Angriff“ in den ersten Heften der „Schulzeitung am Philippinum“ aus? Sie hatten einen Umfang von 10, 9 und 10 Seiten im Format Din A4, was daran lag, dass sie im Sekretariat der Schule mit Matrizen hergestellt wurden.
In der Nummer 1 schreibt Papacek, er berichtet von einer Schülerfahrt nach Spanien, „Der Spanier hat in sozialer Hinsicht keinen Grund zum Lachen; ...“. Rüdiger Griepenberg weiß von einer rebellischen Obertertia (Klasse 9) in Wetzlar. Mit dem Ringelnatz Gedicht „ Zum Aufstellen der Geräte“ wurde sicher Turnlehrer Karl Schutzbach getroffen. Der Abdruck von Kafkas Parabel „Auf der Galerie“ verrät, dass die Redaktion literarisch auf der Höhe der Zeit war. Aber auch das Schulleben kommt mit dem, was heute (Lehrer-)Stilblüten sind, nicht zu kurz. Ansgar Quabius berichtet außerdem von einer Bezirkstagung der Schülermitverwaltung in Wetzlar: „Wenn ich das in Wetzlar Gehörte und Beobachtete überdenke, so komme ich zu dem Schluß, daß wir an unserer Schule unter günstigen Sternen stehen.“ Und Albrecht Sasse schreibt, als wäre es heute, über die „Zensurenhatz“ am Ende des Schuljahres.
Im zweiten Heft gibt es ein Interview mit dem französischen Sprachassistenten Jégu und Briefe des mit seinen Eltern nach Kanada ausgewanderten Michael Kratzbach. Der Bericht über die Spanienfahrt wird fortgesetzt. Schulnachrichten fehlen nicht. Die Quinta a (Klasse 6) hat, wir schreiben das Jahr 1953, ihren Klassenschrank gestrichen, mit Blumenmustern versehen und an den Seiten mit den Schülernamen versehen. Werner Link klärt die „jüngeren Leser“ noch einmal darüber auf, was die Physik unter einem Spektrum versteht. Den kritischen Anspruch löst er ein, wenn er sich gegen die Zwangsberieselung von Buspassagieren wendet. „Doch das Radio nimmt keine Rücksicht darauf, ob ein Mensch freudig oder traurig gestimmt ist. Endlose Melodienreigen drängen sich dem Mitfahrenden auf, und er kann sie nicht abweisen.“
Auf der Titelseite liest man Rilkes Gedicht „Advent“ und den Anfang von Ulrike Meinhofs Artikel „Vom Weihnachtsbaum“. Indem sie die historischen Hintergründe des Weihnachtsbrauchtums beleuchtet, räumt sie mit Vorurteilen auf. „Wenn man es nun recht betrachtet, dann muß man zugeben, daß der Weihnachtsbaum nichts mit der eigentlichen Christgeburt zu tun hat; so hat sich die Kirche anfangs auch sehr gegen dieses „heidnische Brauchtum“ gewehrt. In den 200 Jahren hat er sich für uns aber so eng mit dem Christfest verbunden, daß er nicht mehr wegzudenken ist, und wenn man bei all dieser Festlichkeit und Freude nicht den Sinn des Festes vergißt: die Geburt Christi, dann dürfen wir glücklich sein, einen so schönen Ausdruck für unsere Freude gefunden zu haben: den strahlenden Weihnachtsbaum.“
Im April 1954 erscheint das dritte Heft. Ansgar Quabius hat sich mit der Geschichte des Gymnasiums beschäftigt und berichtet über den Karzer, das Schulgefängnis, das erst 1910 aufgegeben wurde. Er weist darauf hin, dass sich die Jugendlichen von 1910 offensichtlich im Kern kaum anders verhielten als die von 1954. Mahnende Väter und Großväter werden das nicht gerne gelesen haben, auch die Lehrer nicht. „Und wie das Karzerbuch bezeugt, machten die Herren Lehrer recht regen Gebrauch von der Möglichkeit, durch Zudiktieren von Karzerstafen ihr erzieherisches Können bzw. ihr Nichtkönnen zu beweisen.“ Die kritische Spitze steht am Ende der Einleitung: „Freuen wir uns lieber, daß für den Karzer an unseren Schulen kein Platz mehr ist, und wünschen wir auch den noch lebenden überholten Gepflogenheiten ähnlicher Art die gleiche Grabesruhe.“
Noch einmal druckt das Spektrum Briefe von Michael Kratzbach, meldet, dass eine „Sau“ auf dem Schulhof gesehen wurde und sich die Obertertia b (Klasse 9) mit der Obersekunda (Klasse 11) um einen Schwamm stritten. Im Mundartgedicht „Der Simpel“ wird wohl ein Lehrer angegriffen, der es den Schülern unmöglich macht, Hausaufgaben abzuschreiben.
Wer morgens schon um acht
Die Schüler überwacht
Und in die einzelne Klasse kimmt,
jedem Schüler sei’ Heft abnimmt
und tut’s dem Klassenlehrer zeige,
das is en Simpel ohnegleiche.
Drei weitere Strophen folgen.
Eine Kurzgeschichte von Gerhard Wohlgemut und ein Interview von Trudi Kuhmann mit dem Gärtner des Schlosses Sans-Souci untermauern den kulturellen Anspruch der Redaktion, der besonders deutlich wird, wenn Ulrike Meinhof über August Mackes Bild „Gladiolenstrauß“ schreibt, das zusammen mit Franz Marks „Rote Rehe“ neben der Bibliothek hängt. Politisch wird sie, wenn sie die DDR DDR nennt („Einiges aus der DDR“), die damals SBZ (Sowjetisch besetzte Zone) genannt wurde. Kritisch bleibt sie aber, wenn sie anprangert, wie Stasi-Spitzel Bahnreisende so provozieren, dass sie verhaftet werden, und über die praktische Undurchführbarkeit des eigentlich garantierten Religionsunterrichtes schreibt.
„Ich bin nur das spektrum. ... Ich bin da, und wenn Euch das nicht erschreckt, verwundert, erstaunt, ja, dann --- dann --- bin ich trotzdem da, und Ihr habt Euch mit mir abzufinden.“
Bescheidenheit, Selbstbewusstsein und ein wenig Trotz stecken in diesen Sätzen aus dem Gründungsmanifest, dessen kritischer Anspruch von der ersten Redaktion durchaus eingelöst wurde. Ihr Einsatz hat sich in der Tat gelohnt. Das Spektrum ist da. Noch immer. 2008 mit Heft 143 und im 56. Jahrgang.